
Johann Hinterleitner
Auf dem Weg zum Gottvertrauen
YouTube · Familienföderation Austria · 37:53 · Austria
Johann Hinterleitner reflects on attending the Vienna Council of Religions, where he was moved to thank Mayor Michael Ludwig personally, and uses the encounter to share his conviction about the value of living in gratitude.
Mein Thema dreht sich um Dankbarkeit und geht zurück auf den 14. Oktober. Schon ein paar Tage vorher hatte mich Elisabeth Kuck gebeten, ob ich sie beim Rat der Religionen im Wiener Rathaus vertreten könnte, gemeinsam mit David Wurzer. Das war eine Versammlung aller anerkannten Kirchen, Religionsgemeinschaften und Bekenntnisgemeinschaften, initiiert vom Bürgermeister Michael Ludwig, der persönlich während des ganzen Programms anwesend war. Er hat ein Papier verfasst — die Grundsatzerklärung des Wiener Religionsrates —, in der es darum geht, wie die Kirchen, Religionsgemeinschaften und Bekenntnisgemeinschaften, zu denen die Vereinigungskirche gehört, miteinander umgehen sollen und wie er sich ihre Rolle in der Stadt Wien vorstellt und wünscht.
Mein Eindruck war und ist: Das ist wirklich ökumenische Arbeit — ein ökumenischer Gedanke, wie er eigentlich aus den Kirchen kommen sollte, oft aber nicht kommt. Schon beim Lesen dieser Grundsatzerklärung hat mich das berührt und beeindruckt, und dann beim eigentlichen Treffen im Rathaus, in einem wunderbaren, großen Saal, wo wir alle in einem U-Shape gesessen sind, hat mich das bewegt und beeindruckt. Das hat in mir ganz natürlich den Wunsch ausgelöst: Ich möchte ihm für dieses Papier und für die Gedanken, die er da niedergeschrieben hat, und auch für das Treffen selbst danken. Deswegen habe ich gehofft, dass es eine Gelegenheit geben würde, ihn persönlich zumindest kurz zu treffen, und das ist auch gelungen.
Er wurde herumgereicht — er kennt viele von den religiösen Vertretern der katholischen Kirche, der evangelischen Kirchen, der Islamvertreter und andere, die kennt er alle persönlich, er ist sehr umgänglich mit den Leuten. Fast zum Schluss habe ich dem David gesagt, wir müssen ihn zumindest kurz treffen, weil ich ihm etwas sagen möchte. Dann hat es genau gepasst und er kam herüber. Ich hatte noch gehört, er hatte mit anderen Leuten über Ottakring gesprochen — vielleicht lebt er in Ottakring, ich weiß es nicht — und das war äußerlich mein Einstieg.
Wir sind auf ihn zugegangen, und ich habe ihn gefragt: Habe ich das richtig verstanden, dass Gott ein Ottakringer ist? Er hat gesagt, nein, nicht ganz — der ist schon mehr, der ist ja universal. Dann habe ich ihm gedankt — es war mir ein ehrliches Anliegen —, ihm zu danken für dieses wirklich sehr schöne, mit sehr viel Mühe und Liebe vorbereitetes Treffen, diesen Religionsrat, und besonders für dieses Papier, das er so ausgearbeitet und verfasst hat. Das ist seine Handschrift, das ist sein Anliegen, sein Wunsch, wie er die Rolle der Religionen in Wien sich vorstellt und wünscht.
Ich werde nur einen Punkt vorlesen, der sehr vieles auf den Punkt bringt — nämlich den fünften. Da schreibt er: „Der Wiener Religionsrat ist auch ein Zeichen der Anerkennung und Würdigung der gesellschaftlichen Leistungen und Beiträge der Religionsgemeinschaften für die Gesamtgesellschaft, unter anderem in sozialen, kulturellen und spirituellen Bereichen, sowie für Bildung und als Quelle von Rückhalt und Hoffnung in Zeiten der Krise.“ Sein Plan war eigentlich gewesen, dass alle Religionsvertreter dieses Papier vor Ort unterschreiben; er hat aber gesagt, wir haben noch Vorschläge von verschiedenen Kirchen, Religionsgemeinschaften und Bekenntnisgemeinschaften bekommen, die möchten wir noch einarbeiten. Beim nächsten Mal hofft er, dass alle das unterschreiben und dass schriftlich festgehalten wird, welche Rolle die Religionsgemeinschaften in Wien spielen und übernehmen können.
Mein Ausgangspunkt war eigentlich ein ganz spontaner, ungeplanter Wunsch, auf jemanden zuzugehen und dieser Person zu danken — und das war nun, nicht zufällig, der Wiener Bürgermeister, den man ja nicht jeden Tag persönlich trifft und dem man die Hand schüttelt. Über diesen Wunsch, der in mir spontan entstand, möchte ich ein paar Gedanken teilen, weil ich mir sicher bin, dass Sie alle zustimmen: Ein Leben in Dankbarkeit — wie wir es auch in den Hoon-Dok-Texten gelesen haben — ist viel besser und vorteilhafter als ein Leben in Beschwerden, im Zorn oder im Ärger. Dankbarkeit ist eine so wichtige und darüber hinaus kostenlose Eigenschaft, die wir in jeder Situation praktizieren können. Das ist eigentlich ein Punkt, den die Wahren Eltern uns immer wieder vermitteln wollten, den sie betont haben und auch in ihrem eigenen Leben praktiziert haben — ich komme dann noch etwas später konkret darauf zurück.
Meine Bitte, meine Challenge an uns alle ist: Wenn wir auf andere Menschen zugehen, ist es sehr hilfreich und sehr gut, wenn wir dem anderen Menschen mit einem dankbaren Gedanken, einem dankbaren Herzen begegnen — das macht vieles einfacher und unkomplizierter. Zu mir ist das erst nach 50 Jahren so bewusst geworden: Wenn ich einen anderen Menschen treffe, wenn ich auf jemanden zugehe, ist es so gut, wenn ich mir überlege, hat Gottfried Steiner etwas, wofür ich ihm dankbar sein kann, oder der Victorius Victor — wofür ich ihm dankbar sein kann — ganz natürlich und spontan und aufrichtig. Aufrichtig ist sehr wichtig. Ich bin auf den Bürgermeister zugegangen, obwohl mir das eigentlich meiner Natur entsprechend nicht immer so leicht fällt — ich war immer schüchtern, sehr schüchtern sogar.
Für mich war zum Beispiel das Ansprechen gehen und das Fundraising gehen in meinem frühen Kirchenleben eine wirklich große Überwindung, weil ich überhaupt nicht so erzogen wurde und nicht so aufgewachsen bin, dass ich auf alle zugehe und ganz unkompliziert mit den Leuten ins Gespräch komme — viel eher das Gegenteil: schüchtern und zurückhaltend. Beim Fundraising habe ich öfters die Erfahrung gemacht: Da kommt jetzt jemand auf mich zu, er hat lange Haare und einen Bart, und ich habe schon gedacht, er wird sicher nichts kaufen von mir — am besten ich stoppe ihn gar nicht, ich rede ihn gar nicht an. Witnessing war auch für mich nicht das, was ich natürlich und gerne gemacht habe, weil es meiner Persönlichkeit eigentlich widersprochen hat. Aber in diesem Fall mit dem Bürgermeister hatte ich diesen ehrlichen, aufrichtigen Wunsch, mit ihm zu reden, um ihm zu danken.
Und dann kam ein gutes Gespräch zustande — kurz, aber gut. Er hat uns gefragt, wen wir vertreten; wir haben das erklärt, Vereinigung, alle Religionen vereinigen, ja, gute Sache, und noch ein paar andere Bemerkungen über seine Arbeit und wie er mit Religionen umgeht und was seine konkreten Erwartungen und Hoffnungen sind. Dankbarkeit ist nicht nur wichtig für meine seelische und physische Gesundheit — sie öffnet auch die Herzen der Menschen. In diesem Fall mit dem Bürgermeister kam ein sehr offenes, ehrliches und unkompliziertes Gespräch zustande, weil ich diesen Wunsch hatte, ihm zu danken für sein Papier und auch für das Zusammenkommen der Religionen.
Welche Rolle spielt Dankbarkeit in unserem konkreten Alltagsleben? Ich weiß nicht, ob ihr alle am Morgen mit einem Gebet beginnt, oder ob ihr gleich als erstes auf Facebook oder Instagram geht und euch von irgendwelchen Aufregern aufputschen lasst, oder ob ihr vielleicht zumindest kurz den Kopf neigt und ein Gebet sprecht. Wenn wir morgens zu Gott beten, beginnen wir dann, indem wir Gott vielleicht anschreien oder beschuldigen — oh Gott, ein anderer neuer Tag, der mir nur Ärger bringt, am liebsten würde ich diesen Tag gar nicht beginnen wollen — das machen wir eigentlich in der Regel nicht. Ich denke, dass alle oder die meisten von uns das Morgengebet mit einem Dank an Gott beginnen. Ich bete meistens in Dankbarkeit für die vergangene Nacht, auch wenn ich schlecht geschlafen habe, und für einen neuen Tag, der Chancen und Herausforderungen mit sich bringt — und in diesem Sinne danken wir Gott in einem Morgengebet.
Im Hoon-Dok-Hae-Text war auch der Hinweis auf das Tischgebet. In meiner Familie haben wir siebenmal am Tag gebetet: vor dem Frühstück, nach dem Frühstück, vor dem Mittagessen, nach dem Mittagessen, vor dem Abendessen, nach dem Abendessen und noch ein Schlafensgebet der Kinder. Das hat einfach dazugehört. Das war dann auch sehr viel Routine und nicht wirklich eine tiefe Konzentration, aber wir haben gebetet, wir haben am Tisch den Kopf geneigt, die Hände gefaltet und Gott gedankt für diese Speisen.
Unsere Feiertage — die Feiertage in unserer Kirche — sind ja eigentlich auch Tage, an denen wir ganz besonders Gott Dank darbringen. Feiertage heißt ja schon, wir feiern etwas, und feiern heißt immer auch, wir danken. Beim Geburtstagsfest danken wir dafür, dass wir am Leben sind, dass wir wieder einen Geburtstag feiern können — obwohl es mit zunehmendem Alter vielleicht den Wunsch gibt, ein Jahr jünger zu sein. Vor zwei Jahren haben unsere Enkeltöchter Katharina und Emily eine Geburtstagskarte geschrieben und mich ein Jahr jünger gemacht, als ich wirklich war. Sie sagten, sie hätten das vergessen, und seitdem sage ich immer: ihr könnt gerne rückwärts zählen — anstatt 75 schreibt 74, 73 — und ich werde immer jünger, das ist ja eine tolle Sache. Das haben sie dann nicht gemacht, aber auf der Karte stand: «You are not old, you are vintage.» Ein Sammelstück, ein Sammelobjekt, könnte man auch sagen.
Dann gibt es auch schöne Traditionen auf einer höheren als nur persönlichen Ebene. Ich kann mich gut erinnern, in unserer Gemeinde in Oberösterreich, im Mühlviertel — das ist eine Region, der gegenüber man Gott schon an sich große Dankbarkeit schuldet, dass er ein Bundesland und eine Region in Oberösterreich geschaffen hat wie das Mühlviertel. Man kann da nur sagen: Danke, lieber Gott, dass es so ein schönes Land gibt. Jedes Jahr hat die ganze Gemeinde, ausgehend von der Kirche, das Erntedankfest gefeiert, und da war noch eine starke spirituelle Komponente. Meine Mutter zum Beispiel hat immer etwas mitgebracht, das die Ernte symbolisierte — Brot, ein Stück Fleisch und vielleicht noch etwas — und das wurde im Rahmen des Erntedankfestes vom Priester gesegnet, nach Hause gebracht und speziell behandelt. Alle von uns durften dann etwas von diesen gesegneten Speisen kosten oder genießen, und das war etwas Besonderes, weil der Dank Gott gegenüber in diesen Speisen auch drinnen war.
Oder in Amerika wurde vor kurzem wieder Thanksgiving gefeiert — so dankt eine ganze Nation dem Schöpfer Gott, nicht nur beim Tischgebet, nicht nur so wie Abraham das seinen Gästen vorgegeben hatte, sondern eine ganze Nation dankt Gott im Rahmen des Thanksgivings für die Schätze, für alles, was unser Schöpfer für uns vorbereitet und zur Verfügung gestellt hat. So wie so oft — wir sehen das ja schön beim Volk Israel — haben wir Menschen leider auch die Eigenschaft, dass wir, wenn Dinge wirklich gut laufen und es uns gut geht, das Innere, das Geistige, das Spirituelle vernachlässigen und vergessen, oder dass das Ganze dann nur noch sehr äußerlich wird und nicht mehr die ursprüngliche innere Bedeutung im Mittelpunkt steht.
Es scheint mir, dass zum Beispiel beim Thanksgiving in Amerika der große Truthahn sehr im Mittelpunkt steht — er schafft es sogar ins Weiße Haus, wo er eine Amnestie erhält. Das viele Essen spielt eine sehr starke Rolle, was die eigentliche und ursprüngliche Bedeutung etwas verdeckt. Und das ist ja auch im Leben des Einzelnen nicht anders: wenn es uns sehr gut geht, wenn es gut läuft, dann ist die Tendenz da, dass wir das Innere, das Ursprüngliche etwas vergessen oder nicht mehr so beachten und dass es eine untergeordnete Rolle spielt, weil das Äußere so dominant wird.
Die Vorbereitungen auf Weihnachten in den Medien und im Fernsehen sind sehr stark dominiert von dem Gedanken: hoffentlich kaufen die Leute heuer mehr als im letzten Jahr, weil wir den Umsatz brauchen. Die eigentliche Bedeutung wird zögerlich und manchmal fast schon entschuldigend von den Vertretern der Religionsgemeinschaften — sogar bis zum Kardinal hinauf — nur zögerlich angesprochen. Sehr oft wird die innere Essenz, das was wirklich wichtig ist, verdrängt und steht nicht mehr im Mittelpunkt. Deswegen mein Appell an uns alle: wir sollten die wichtige Rolle des Gebets und seine Bedeutung nicht vernachlässigen und auch den Mut haben und die Bedeutung verstehen, wie wichtig sie in unserem Glaubensleben und in unserem realen Leben eigentlich sind.
Zur Zusammenfassung der Hoon-Dok-Hae-Texte und von dem, was auch Abraham, der Glaubensvater, und die Wahren Eltern uns so sehr zu vermitteln versucht haben: Bin ich dem Schöpfer Gott dankbar? Habe ich aufrichtige, ehrliche Dankbarkeit unserem Schöpfer gegenüber? Und wie übersteht meine Dankbarkeit auch große Herausforderungen? Vater hat das oft betont — was immer auch in seinem Leben geschehe, was immer ihm auch angetan werde, er werde sich Dankbarkeit immer bewahren und nie im Ressentiment oder im Zorn auf schwierigste Situationen reagieren. Die Dankbarkeit Gott gegenüber wird also auch getestet, und das sind nicht die glorreichen und goldenen Zeiten, sondern eigentlich die Zeiten der Herausforderung.
Auf die tägliche Lebenspraxis angewendet, auf die Mitmenschen, mit denen ich zu tun habe, ist es sehr hilfreich — ich denke auch sehr wichtig — mit welcher Einstellung, mit welchen Gedanken und mit welcher Motivation ich auf andere Menschen zugehe. Manchmal möchte ich mit jemandem reden, weil ich ihn kritisieren will, weil ich ihm sein Leben schwer machen möchte oder weil ich nicht einverstanden bin, und das kann dann ein schwieriger Austausch, eine schwierige Situation sein, wo das Ergebnis eigentlich kein gutes ist und Beziehungen leiden und sogar zerbrechen. Aus diesen Überlegungen habe ich für mich den Schluss gezogen: Bevor ich mit jemandem das Gespräch suche, sollte ich mir überlegen, was ich dieser Person als Einleitung in Form von Dankbarkeit sagen kann — ob ich etwas habe, wofür ich ihr konkret dankbar bin, was die Person gesagt oder einmal getan hat.
Mit Dank auf einen Menschen zuzugehen ist ein guter Einstieg für ein respektvolles und fruchtbares Gespräch, viel mehr als jemanden mit scharfer Kritik anzugehen. Ich habe das für mich in Englisch zusammengefasst: «I should not hurt but heal other people's heart.» Denn wir haben so viele verletzte Menschen in unserer Welt — äußerlich sehen wir das meistens gar nicht, erst wenn der Groll und der Ärger zum Ausdruck kommen, entdecken wir: um Gottes Willen, er oder sie hat ja etwas mit sich herumgetragen, das ich gar nicht bewusst wahrgenommen hatte. Wir sollten wirklich bewusst auf Menschen so zugehen, dass wir sie nicht verletzen, sondern dass wir — wenn überhaupt — zur Heilung beitragen, und ich denke, dass es wenige Menschen gibt, die nicht gelegentlich einer Heilung bedürfen.
Mit welchen Gedanken und welcher Haltung ich jemandem begegne, spielt eine große Rolle. Ich mache es mir fast schon zu einem persönlichen Vorhaben, eine andere Person erst dann anzureden, wenn ich einen Punkt erwähnen kann, für den ich ihr dankbar bin — wo ich ehrliche Dankbarkeit zum Ausdruck bringen kann. Ich glaube, das ist ein gutes Motto, mit dem wir Verletzungen der Herzen anderer Menschen verhindern und zur Heilung anderer Menschen, uns selbst und unserer Gesellschaft beitragen können. Letztlich geht ja alles auf die Beziehung zwischen Gott und mir und die Beziehung zwischen Gott und der Menschheit zurück — und wenn die Menschheit insgesamt Gott gegenüber keine Dankbarkeit empfindet und auch nicht ausdrückt, dann wird es unter den Menschen sehr schwierig sein, gute, harmonische und friedensfördernde Beziehungen aufzubauen und aufrechtzuerhalten. Derjenige, der die größte Dankbarkeit praktiziert hat und praktiziert, ist Gott selbst — das ist auch eine Einsicht, die uns die Wahren Eltern geschenkt haben: dass Gott jedem Einzelnen dankbar ist für das, was er oder sie mit Aufrichtigkeit in dieser Welt beiträgt, um eine Welt des Guten und des Friedens zu verwirklichen.
So, Gott ist jedem dankbar, und irgendwann — das mag dauern, aber irgendwann im Leben — machen wir auch die Erfahrung: ja, Gott ist tatsächlich dankbar. Und zum Abschluss möchte ich noch die Gründer unserer Bewegung, die Wahren Eltern, kurz etwas sagen. 1978, als wir in London waren bei der Segnung, da hat Vater dann auch ein paar Mal gesprochen, und eine Rede — oder ein Aspekt von einer Rede — ist mir heute noch in Erinnerung. Er hat gesagt, ihr solltet euch niemals beschweren — you should never complain. Sich beschweren ist so wie — und das ist eine wirklich wunderschöne Erklärung — sich beschweren ist so wie ein zaghafter Frühling mit den ersten Blumen, die sprossen, sprießen und die Blüten öffnen, und dann kommt plötzlich ein eisiger kalter Wind und tötet alles ab. Und sich beschweren ist eigentlich wie dieser eiskalte Wind, der alles Lebendige und gerade Entstehende abtötet. Das ist mir heute noch in Erinnerung, nach 50 Jahren — die Situation, wie er das in Lancaster Gate so erklärt hat, geschildert hatte.
Und noch eine letzte Bemerkung zur Situation von Mutter in Korea. Also ich weiß jetzt wirklich zu wenig konkret, was genau die rechtlichen Umstände sind, deswegen werde ich nur über eine innere Dimension etwas sagen, das mir gestern — ich glaube, es war gestern — in den Sinn gekommen ist, was vielleicht da vor sich geht. Wir wissen ja aus der Geschichte der Vorsehung, dass Gott eigentlich immer denjenigen Menschen, wo er weiß — die ihn lieben — schwere Bürden aufbürdet, oder sie mit Situationen befasst, die eigentlich unmenschlich sind. Und ich denke, soweit ich das jetzt verstanden habe, dass die Situation, wie Mutter in ihrem Alter, mit ihrem Gesundheitszustand behandelt wird, eigentlich würdelos ist. Und das kann durchaus auch die Absicht des Systems in Korea sein — ich weiß es nicht, aber es ist würdelos.
Und deswegen ist mein Gebet für Mutter ganz einfach. Ich bete immer für sie, während ich dann auch am Brunnen vor dem Tore spiele. Und zwar, da gibt es einen Mann, der auf einer Zither das Lied am Brunnen vor dem Tore spielt — das ist wie ein Kreislauf, das hört nie auf, das kann ich eine Stunde lang spielen lassen. Und das ist so schön und so auch melancholisch, irgendwie auch ein trauriger Einschlag. Und da bete ich für Mutter, dass sie ihre innere Würde bewahrt, dass sie auch Dankbarkeit bewahrt, Gott gegenüber, trotz der widrigen Umstände. Weil, wie wir auch wissen, eine solche Situation, wenn eine Person das durchsteht und mit Würde und mit Dankbarkeit hinter sich bringt, kann Gott das nutzen, und Gott wird das immer nützen für seine Sache.
Und dann kam mir das gestern so plötzlich, so intuitiv: vielleicht ist dann das Ergebnis, dass innerhalb der Gründerfamilie — ich nenne das jetzt bewusst Gründerfamilie, weil es mir schwerfällt zu sagen Wahre Familie, weil es einfach so viele Konflikte in der Familie gibt, unsere Gründer, unsere Wahren Eltern, die eigentlich in meinem Verständnis gelöst werden müssen, irgendwann — und vielleicht kommt als Ergebnis heraus, dass die Söhne und Töchter der Wahren Eltern ein Umdenken, ein Umfühlen erleben, dass Gott ihnen vermittelt: das ist eure Mutter, und sie geht durch einen so schwierigen, entwürdigenden Abschnitt in ihrem Leben, in diesem Alter. Und ich denke mir, wenn das meiner Mutter passiert wäre, ich hätte nicht mehr schlafen können.
So, vielleicht kommt etwas dabei heraus, dass letztlich in der Wahren Familie, in der Gründerfamilie ein Umdenken, ein Umfühlen und eine andere Haltung zu Tage bringt. Das wäre aus meiner Sicht ein großer Sieg, wenn die ganze Wahre Familie als eine Familie vor der Weltöffentlichkeit stehen würde und sagen würde: wir stehen zusammen und wir setzen uns gemeinsam für die Sache Gottes in unserer Welt ein. Das ist keine Prophezeiung, das ist meine Wahrnehmung, die mir plötzlich kam. Und wenn Mutter das siegreich durchläuft und beendet, dann kann das Gott auf jeden Fall nutzen. Wie er es dann benutzt, das weiß ich nicht, das werden wir erst sehen. Aber dass Gott es nutzen kann und Gott es nutzen wird, auf seine Weise — das ist für mich keine Frage.
So, deswegen ist Dankbarkeit eine so wichtige Sache, und lasst uns darüber reflektieren, wie kann ich, wie können wir gemeinsam Dankbarkeit praktizieren — weil es für unser geistiges, unser seelisches Leben ganz wichtig ist und vor allem auch für die Gesellschaft und für die ganze Welt von großer Bedeutung ist. Wir dürfen nie vergessen: es gibt so viel, wofür wir dankbar sein können und sollten und dürfen.
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